Ein Buchstabe zu viel oder: Die EKD auf fremdem Territorium

Die EKD redet über Flugzeuggastronomie – oder doch nicht? Man weiß es nicht genau.

Das ist lustig .- kann aber vorkommen. Die EKD veranstaltet ihren ersten deutschen evan­ge­li­schen Hochschultag, Veranstaltungsort ist die Universität Heidelberg und geladen sind veritable Gäste. Es gibt einen Hauptvortrag von Christoph Markschiess, ein Podium unter dem scheinbar unvermeidlichen Titel „Hier stehe ich!“ – Freiheit und Wahrheit in schwierigen Zeiten. Und dann gibt es noch vier Module unter der Überschrift „Interdisziplinäre Entdeckungen zu Freiheit, aktueller Forschung, Religion und Gesellschaft“. Es geht in den Modulen um Künstliche In­telligenz, Nachhaltigkeitsforschung, sowie um religiöse Freiheit und Universität. Und dann gibt es ein doch etwas überraschendes Modul unter der Überschrift „Am Limit. Perspektiven aus Theologie und Astrophysik“. Damit hätte ich nicht gerechnet, denn bisher ist mir nicht bekannt, dass deutsche Professor:innen der Evangelischen Theologie sich damit beschäftigen. Zwar haben wir deutsche theologische Wissenschaftler, die dazu forschen und in New York, in Santa Barbara und Mountain View, Providence, Kopenhagen und auch Florenz mit wissenschaftlichen Vorträgen auftreten und dazu auch publiziert haben – aber die sind in dem Modul nicht vertreten. Die deutsche theologische Fach­wissenschaft zum Thema Astrophysik vertritt Malte Krüger. Nichts gegen diesen Wissenschaftler – als internationaler Experte zum Thema ist er bisher nicht aufgefallen. Aber deutsche Theologen sind ja Generalisten.

Lustig, um auf meinen Eingangssatz zurückzukommen, ist nun an der Ausschreibung, dass der Veranstalter, also die EKD, die Professur des eingeladenen fachkompetenten Gastes Alfred Krabbe verändert hat. Dieser ist in Stuttgart Professor für Flugzeugastronomie und extraterrestrische Raumfahrtmissionen.

Das fand die EKD wohl zu wenig bodenständig und formulierte es um, indem man einen Buchstaben hinzufügte. Nun ist er Professor für Flugzeuggastronomie und extraterrestrische Raumfahrtmissionen. Und das ist für die theologischen Vielflieger der EKD ja auch viel naheliegender: um die Bordverpflegung sollte sich durchaus auch ein Professor an einer bundesdeutschen Universität kümmern. Eigentlich hätte man auch bei den Raumfahrtmissionen noch ein e zufügen können, dann wäre es ein wirklich interessantes Gespräch geworden. Denn Raumfahrtemissionen sind ein wichtiges Thema für die Nachhaltigkeit.

Und immer wieder dieselbe Rede

Der Papst kehrt zur alten Rollenverteilung von Kunst und Kirche zurück: Kunst spielt für die Kirche eine wichtige Rolle, wenn sie ethisch präfiguriert ist.

Wofür sollte Kunst denn auch sonst da sein – außer eine Rolle zu spielen in den ethischen Debatten und Reflexionen dieser Welt? Seit 500 Jahren arbeitet die Kunst daran, nicht mehr automatisch diesen metaphysischen, ethischen und religiösen Präjudizierungen unterworfen zu werden, sondern selbst zu bestimmen, was Kunst als Kunst macht. Aber die Kirche kann es nicht lassen. Sie kennt keine Eigenwertigkeit der Kunst. Dabei heißt Kunstwerke zu schaffen, besondere Werke zu schaffen, Werke, die sich durch ihre Differenz zu allen anderen Bereichen menschlichen Lebens auszeichnen. Das Werk der Künstler:innen steht „neben den lebensnotwendigen Werken der eigentlichen Arbeit, neben der Wissenschaft, neben Kirche und Staat“ – „Das wagt doch der Mensch in der Kunst: die gegenwärtige Wirklichkeit in ihrem schöpfungsmäßigen Das-Sein, aber auch in ihrem So-Sein als Welt des Sündenfalls und der Versöhnung nicht letztlich ernst zu nehmen, sondern neben sie eine zweite, als Gegenwart nur höchst paradoxer Weise mögliche Wirklichkeit zu schaffen, ohne von jener loszukommen“ (so Karl Barth 1920). Letztlich geht es beim Satz des Papstes um eine metaphysische Ingebrauchnahme der Kunst: die an der Buchstäblichkeit, dem Material orientierte Kunst soll vom Geist in die Sinndeutung eingebunden werden. Dagegen geht es im Interesse der Kunst darum, die Autonomie der kulturellen Bereiche vor der theologischen und religiösen Hegemonie zu bewahren.

Nun hatte die katholische Kirche immer schon ein gebrochenes Verhältnis zu Immanuel Kant und seiner Bestimmung menschlicher Erkenntnisse in den drei Kritiken (Kritik der reinen Vernunft – Kritik der praktischen Vernunft – Kritik der Urteilskraft). Mit der Autonomie der Künste, ihrer ihr immanenten Zweckhaftigkeit ohne äußeren Zweck wusste sie nichts anzufangen. Gelobt und geliebt wird die Kunst, wenn sie zweckrational eingebunden werden kann, wenn sie also gegen »Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ungleichheit und für das ökologische Gleichgewicht« ankämpft. Und was ist mit all der anderen Kunst (die vermutlich einen Großteil aller Kunstwerke ausmacht)? Kirchlich bzw. religiös ist sie uninteressant. Aber was macht die Kunst als Kunst noch attraktiv, wenn sie doch nur das visualisiert, was der Stellvertreter Gottes auf Erden eh‘ schon jeden Sonntag von der Kanzel kundtut? Gegen »Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ungleichheit und für das ökologische Gleichgewicht« zu sein, ist eine Art Teilnahme am ethischen Buzzword-Bingo, aber kein Element der Kunst. Das Modell nach dem auch dieser Papst zu denken scheint, ist das der vorgängigen Themen und Texten, denen die Kunst ihre visuelle Gestaltungskraft andienen darf. Das ist ein mittelalterliches und frühneuzeitliches Verständnis von Kunst, das diese als Religions- oder Ethik-Design begreift. Vor allem aber ist es ein illiberales Verständnis von Kunst. Wenn die Kunst nur Rollen einzunehmen hat, ist sie nicht frei, allenfalls Hofnarr am Tisch der Mächtigen und der Diskursgestalter. Frei ist sie aber nur als souveräne Kunst, die sich Formwerdung und inhaltliche Bezüge selbst wählt.

Über Freiheit als „Methode der Kunst“ hat am Ende des 20. Jahrhunderts der Künstler, Theologe und Philosoph Thomas Lehnerer reflektiert. Im Anschluss an Immanuel Kant skizziert Lehnerer ästhetische Erfahrung als ein „Empfinden aus Freiheit“ und Bildende Kunst als eine „Methode aus Freiheit“. Das Empfinden von Schönheit ist danach „die vielleicht ganz alltägliche, aber unbedingte Freude daran, dass etwas ohne Not und Grund – frei – sich bewegt, dass etwas lebendig ist in dieser Welt, einfach so. – Freie Lebendigkeit spüren, das ist Schönheit … Schönheit als solche (als Empfinden aus Freiheit) beruht weder auf Natur noch auf Kultur … Schönheit ist ein an sich selbst freier, unbedingter, dennoch aber subjektiv wahrnehmbarer Glücksfall.“ Kunstwerke sind im Gegenzug Gegenstände, die den ‚Zweck‘ haben, dieses „Empfinden aus Freiheit“ auszulösen. Thomas Lehnerer hat vehement bestritten, dass sich Kunst und Religion im Sinne einer gemeinsamen Gattung konstellieren lassen: „Dort wo Kunst ihren Selbstbezug ausformuliert, wo sie ihre Autonomie zur Geltung bringt und dadurch als Totalität sich ausweitet, wo sie m.a.W. ihrem Begriff radikal folgt, ist sie bestimmte Negation von Religion“. Unter diesen Gesichtspunkten „bleiben alle religiös-theologischen Bemühungen, Kunst zu verstehen, limitiert.“ Daher besteht die Perspektive der Begegnung von Kunst und Kirche in der Anerkenntnis dieser Differenz. Geführt werden müsste „ein Diskurs zwischen Kunst und Theologie, in dem beide Seiten ihre Position stark machen und in dem deshalb wirklich etwas auf dem Spiel steht. Es sollte ein Gespräch sein, bei dem die Einigung nicht bereits im Vorhinein programmiert ist, ja vielleicht sogar nicht einmal angestrebt werden muss…, ja (das Gespräch) eigentlich keine Übereinstimmung zum Ziel haben (kann)“ (Alle Zitate Thomas Lehnerer).

Einsichtig werden muss, dass die religiöse Interpretation und in diesem Fall die päpstliche Interpretation des Engagements der Kunst den ästhetischen Charakter der Kunstwerke, ihr Kunsthaftes verfehlt. Man sucht nur das Eigene im Fremden und jubelt auf, wenn man meint, etwas Gemeinsames gefunden zu haben. Man kann aber sicher sein, dass die Kunst in ihren Werken diese scheinbare Gemeinsamkeit wieder unterlaufen wird. Genau das ist nämlich der ästhetische Prozess, der sich eben nicht ethisch stillstellen lässt: er nennt sich „Die Souveränität der Kunst“

Kunst ist eben nicht deshalb interessant, weil sie eine Verbündete im Kampf gegen »Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ungleichheit und für das ökologische Gleichgewicht« ist, sondern weil sie Kunst ist. Nicht das „Was“ eines Werkes macht die Kunst interessant, sondern das „Wie“, nicht der Inhalt, sondern die Form.

Es gab einmal einen Papst, aber auch nur einen einzigen, der das zu würdigen wusste.

Aus der Papstrede in München 1980:
Eine grundsätzliche neue Beziehung von Kirche und Welt, von Kirche und moderner Kultur und damit auch von Kirche und Kunst wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil geschaffen und grundgelegt. Man kann sie bezeichnen als Beziehung der Zuwendung, der Öffnung, des Dialogs. Damit ist verbunden die Zuwendung zum Heute, das „Aggiornamento” … Die Welt ist eine eigenständige Wirklichkeit, sie hat ihre Eigengesetzlichkeit. Davon ist auch die Autonomie der Kultur und mit hr die der Kunst betroffen. Diese Autonomie ist, echt verstanden, kein Protest gegen Gott oder gegen die Aussagen des christlichen Glaubens: sie ist vielmehr der Ausdruck dessen, dass die Welt Gottes eigene, in die Freiheit entlassene Schöpfung ist, dem Menschen zur Kultur und Verantwortung übergeben und anvertraut. Damit ist die Voraussetzung gegeben, dass die Kirche in ein neues Verhältnis zur Kultur und zur Kunst eintritt, in ein Verhältnis der Partnerschaft, der Freiheit und des Dialogs. Das ist umso leichter möglich und kann umso fruchtbarer sein, als die Kunst in Ihrem Land frei ist und sich im Raum der Freiheit verwirklichen und entfalten kann. … Die Kirche sieht die Berufe der Künstler und Publizisten in einer Bestimmung, die zugleich die Mitte, die Größe und die Verantwortung Ihrer Berufe bezeichnet. Nach christlicher Auffassung ist jeder Mensch Bild und Gleichnis Gottes. Dies trifft hinsichtlich der schöpferischen Tätigkeit in einer besonderen Weise für den Künstler und den Publizisten zu. Ihr Beruf ist Ihrer jeweiligen Aufgabe entsprechend ein schöpferischer Beruf. Sie geben der Wirklichkeit und dem Stoff der Welt Form und Gestalt. Sie verbleiben nicht in der bloßen Abbildung oder in der Beschreibung der Oberfläche. Sie versuchen, die Wirklichkeit des Menschen und seiner Welt zu „verdichten“ im ursprünglichen Sinn des Wortes. Sie wollen in Wort, Ton, Bild und Gestaltung etwas ahnen lassen und vernehmbar machen von der Wahrheit und Tiefe der Welt und des Menschen, wozu auch die menschlichen Abgründe gehören. Dies zu sagen, bedeutet keine heimliche christliche oder kirchliche Vereinnahmung der Kunst und der Künstler, der Medien und Publizisten, sondern eine Würdigung aus der Sicht des christlichen Glaubens, eine Würdigung, die erfüllt ist von Positivität, von Respekt und Anerkennung.

Ist die Kirche am Ende?

Das Heft 148 des Magazins für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik ist erschienen. Es widmet sich zum einen der KMU VI und der ForuM-Studie, den neuesten Untersuchungen zur Kirche, aber auch vielen weiteren aktuellen Themen.

Editorial

VIEW

Protestantische Befindlichkeiten
Meinungen, Mehrheiten, Mentalitäten im aktuellen Protestantismus – Eine Sichtung der KMU VI
Wolfgang Vögele [28 S.]

Was hätten Sie denn erwartet?
Die Ev. Kirche und der Missbrauch –
Kurze Notizen zur Aufarbeitungsstudie ForuM
Andreas Mertin [10 S.]

FILM

„Gott verletzt und verbindet,
Gottes Hand zerschlägt und heilt“ (Hiob 5, 18)
Leidensbewältigung von Frauen im Film
Inge Kirsner [10 S.]

FRANZ BLEI

Franz Bleis »ästhetische Theorie vom formbildenden Faktor der Umgebung«
Konzeptionen der Verräumlichung kulturprogrammatischer Perspektiven
Burckhard Dücker [10 S.]

ANTISEMITISMUS

Antisemitismus und Universität
Ein Blick auf eine Studie mit erhellenden Erkenntnissen
Andreas Mertin [8 S.]

Stimmt das: „Antisemitismus ist keine Meinung!“?
Gedanken über problematische Sätze im öffentlichen Diskurs
Andreas Mertin [10 S.]

‚Schwachsinniger Akt von mutwilligem Vandalismus‘
Antisemitischer / israelkritischer Ikonoklasmus als Posse
Andreas Mertin [6 S.]

CAUSERIEN

Betreutes Denken 
I – Wenn KI Dich beschützt und bewahrt – samt einem halluzinatorischem Anhang
II – Die KI spricht: Du sollst Dir kein Bildnis machen
Andreas Mertin [10+4 S.]

RE-VIEW

Lichtlyrik nach dem Zimzum
Bewegte Langzeitfotografie im modernen sakralen Raum
Kapelle der Salesianer Benediktbeuern Obernbayern
Leo Sograph [8 S.]

Hugo Distler. Sämtliche Schriften
Eine Rezension
Mathias Kissel [4 S.]

Glaube und Hass. Antisemitismus im Christentum
Ein Buchhinweis
Andreas Mertin [4 S.]

Unter Beteiligung
Literaturhinweise auf Publikationen aus dem Umfeld von tà katoptrizómena
Redaktion

POST

Rechte Rhetorik bei der Schwarmintelligenz
Verstreute Notizen
Andreas Mertin [8 S.]